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PQC-Migration: Welche Systeme zuerst – und wer bezahlt?

Ausgabe 12 der Reihe „Post-Quanten-Sicherheit in der deutsch-slowenischen Lieferkette“. Für IT-Leitung, Einkauf und Controlling, die eine Umstellung planen und finanzieren müssen.

Das Kryptoinventar ist fertig: 340 Einträge, sauber erfasst, mit Verantwortlichen. Die Geschäftsführung fragt: „Und jetzt? Was kostet das, und womit fangen wir an?“ Die IT schlägt vor, mit dem anzufangen, was am einfachsten ist. Der Einkauf schlägt vor, den Lieferanten die Kosten aufzuerlegen. Beides ist verständlich. Beides führt in die falsche Richtung.

In diesem Beitrag: Warum nicht alles gleichzeitig · Fünf Kriterien · Gelegenheit · Drei Arten von Kosten · Wer bezahlt was · Beispiel · Budget begründen · Typische Fehler · Die Frage an Ihren Lieferanten · Anhang: Matrix und Kostenvorlage

Warum nicht alles gleichzeitig

Kein Unternehmen stellt alle Systeme auf einmal um. Das liegt nicht nur am Budget. Viele Systeme können noch gar nicht umgestellt werden, weil der Hersteller noch keine Version mit Post-Quanten-Verfahren anbietet. Andere stehen ohnehin zum Austausch an. Wieder andere schützen Daten, die in zwei Jahren wertlos sind.

Die EU-Roadmap der NIS Cooperation Group vom Juni 2025 empfiehlt deshalb eine gestufte Umstellung: erste Schritte bis Ende 2026, Anwendungsfälle mit hohem Risiko bis Ende 2030, möglichst viele weitere Systeme bis 2035. Das ist eine Empfehlung an die Mitgliedstaaten, keine Pflicht für Ihr Unternehmen. Als Orientierung für die eigene Reihenfolge taugt sie trotzdem: Zuerst kommt, was hohes Risiko trägt.

Fünf Kriterien für die Reihenfolge

Für jeden Eintrag im Inventar lassen sich fünf Fragen beantworten:

  1. Schutzdauer: Wie lange müssen die Daten vertraulich oder die Signaturen gültig bleiben? Konstruktionsdaten mit zehn Jahren Lebensdauer wiegen schwerer als Tagesbestellungen. (Ausgabe 02 behandelt das ausführlich.)
  2. Schaden: Was wäre der Schaden, wenn die Daten offengelegt oder die Signatur gefälscht würde? Finanziell, rechtlich, für die Reputation, für die Sicherheit von Anlagen.
  3. Aufwand: Ist die Umstellung eine Konfiguration, ein Update, eine Codeänderung oder ein Austausch von Hardware?
  4. Abhängigkeit: Hängt die Umstellung von einem Hersteller, Lieferanten oder Kunden ab, der noch nicht bereit ist?
  5. Gelegenheit: Steht das System ohnehin zur Erneuerung an?

Die ersten beiden Kriterien bestimmen die Dringlichkeit, die letzten drei die Machbarkeit. Wer nur nach Machbarkeit sortiert, stellt zuerst um, was einfach ist, und lässt das Wichtige liegen. Wer nur nach Dringlichkeit sortiert, plant Projekte, die mangels Herstellerunterstützung nicht starten können.

Eine brauchbare Reihenfolge entsteht aus beidem: Dringend und machbar kommt zuerst. Dringend, aber blockiert braucht sofort ein Gespräch mit dem Hersteller oder Lieferanten, damit die Blockade bis zur nächsten Planungsrunde gelöst ist. Weniger dringend und machbar wird bei passender Gelegenheit erledigt. Weniger dringend und blockiert wird beobachtet.

Der unterschätzte Faktor Gelegenheit

Die günstigste Umstellung ist die, die ohnehin stattfindet. Wer in den nächsten Jahren eine VPN-Lösung, eine Dateitransferplattform, ein ERP-System oder eine Gerätegeneration erneuert, kann Post-Quanten-Fähigkeit als Anforderung in die Ausschreibung schreiben. Die Mehrkosten entstehen dann einmal, in der Ausschreibung, statt später als eigenes Projekt.

Umgekehrt ist die teuerste Situation die, in der heute ein System beschafft wird, das zehn Jahre laufen soll und keine Austauschbarkeit der Verfahren vorsieht. Diese Entscheidung kostet nicht heute, sondern 2030.

Praktisch heißt das: Legen Sie Ihre Inventarliste neben die Investitionsplanung der nächsten fünf Jahre. Jede Überschneidung ist eine Gelegenheit, die nur dieses eine Mal kommt.

Drei Arten von Kosten

Für die Frage, wer bezahlt, ist entscheidend, welche Art von Kosten entsteht:

Art Beispiel Typischer Ort im Vertrag
Wartung Update auf eine Version, die hybride Verfahren unterstützt; Konfigurationsänderung Wartungs- oder Pflegevertrag, sofern Updates geschuldet sind
Änderung Codeänderung an einer Individualentwicklung; Anpassung einer Schnittstelle Änderungsverfahren, Change Request, Zusatzauftrag
Investition neue Hardware, neues HSM, neue Gerätegeneration, neue Plattform Beschaffung, Investitionsbudget

Dazu kommen Kosten, die keiner dieser Kategorien zugeordnet sind und deshalb oft vergessen werden: Inventarisierung, Architekturarbeit, Tests mit Gegenstellen, Abstimmung mit Lieferanten, Schulung. Sie fallen bei Ihnen an, unabhängig davon, wer am Ende die Umstellung technisch ausführt.

Wer bezahlt was

Die Versuchung ist groß, die Kosten in die Lieferkette weiterzureichen. Rechtlich und wirtschaftlich trägt das nur begrenzt:

  • Was der Lieferant ohnehin schuldet, zahlt er. Wenn ein Wartungsvertrag Sicherheitsupdates umfasst und der Hersteller ein Update mit hybriden Verfahren liefert, ist das Einspielen Teil der Wartung.
  • Was Sie zusätzlich verlangen, ist eine Änderung. Eine Codeänderung an einer Software, die vertragsgemäß funktioniert, weil Sie neue Anforderungen stellen, ist ein Zusatzauftrag, auch wenn er der Sicherheit dient.
  • Was Ihre eigene Infrastruktur betrifft, bezahlen Sie. Ein Lieferant, der seine Seite umstellt, kann nichts dafür, dass Ihr Gateway veraltet ist.

Hier zeigt sich, wie wichtig die Präzision der Anforderung ist (Ausgabe 06). Eine unklare Anforderung wie „Ihr Produkt muss quantensicher sein“ lässt sich weder als Wartung noch als Änderung einordnen und endet im Streit. Eine präzise Anforderung mit Abschnitt, Verfahren, Termin und Nachweis lässt sich einordnen und bepreisen.

Für Lieferanten, die Sie dauerhaft brauchen, lohnt sich ein offener Blick: Ein kleiner Zulieferer, der die Umstellung allein nicht finanzieren kann, ist ein Risiko für Ihre Lieferkette. Eine gemeinsame Planung mit verteilten Kosten kann günstiger sein als ein Lieferantenwechsel.

Beispiel fünf Systeme eine Reihenfolge

Nehmen wir einen Automobilzulieferer, der fünf Systeme auf einer Skala von 1 (gering) bis 3 (hoch) bewertet. Die Bewertungen sind zur Veranschaulichung gewählt. Für den Aufwand und die Abhängigkeit gilt: 3 bedeutet geringen Aufwand bzw. keine Abhängigkeit.

System Schutzdauer Schaden Aufwand Abhängigkeit Gelegenheit Einordnung
Dateitransfer Konstruktionsdaten 3 3 2 2 1 dringend, machbar: zuerst
Lieferantenportal 2 2 3 3 1 machbar, mittlere Dringlichkeit
Firmware-Signatur Steuergeräte 3 3 1 1 3 dringend, blockiert; Gelegenheit nächste Generation
Internes Wiki 1 1 3 3 1 bei nächstem Update
VPN Standortverbindung 2 2 2 1 2 Hersteller fragen; Ersatz 2027 geplant

Die Firmware-Signatur hat die höchste Dringlichkeit und die geringste Machbarkeit. Sie kommt deshalb nicht zuerst, aber sie bekommt sofort ein Gespräch mit dem Lieferanten der Steuergeräte, weil die nächste Gerätegeneration die Gelegenheit ist.

Wie Sie das Budget begründen

Eine Geschäftsführung bewilligt selten ein Budget für „Post-Quanten-Kryptografie“. Sie bewilligt Maßnahmen gegen ein benanntes Risiko. Drei Angaben machen den Antrag entscheidbar:

  • Was geschützt wird: die zwei oder drei Systeme mit der höchsten Dringlichkeit, mit Art der Daten und Schutzdauer. Keine Liste mit 340 Einträgen.
  • Was ohnehin geplant ist: Investitionen der nächsten Jahre, bei denen nur die Anforderung ergänzt wird. Diese Positionen kosten wenig zusätzlich und zeigen, dass der Plan wirtschaftlich denkt.
  • Was neu ist: interne Arbeit für Inventar und Abstimmung, Änderungen an Individualsoftware, Investitionen, die vorgezogen werden müssen. Mit Grundlage und Kennzeichnung, was geschätzt ist.

Ein solcher Antrag ist kürzer als die Inventarliste und ehrlicher als eine Pauschalsumme. Konkrete Preise nennen wir hier deshalb bewusst nicht: Sie hängen an Ihren Systemen, und jede pauschale Zahl wäre unseriös. Er lässt sich jährlich fortschreiben, wenn neue Herstellerversionen verfügbar werden oder Lieferanten ihre Pläne vorlegen.

Typische Fehler

  • Nach Einfachheit sortieren. Fortschritt in Zahlen, kein Fortschritt beim Risiko.
  • Kosten pauschal weiterreichen. Endet in Nachträgen oder in Lieferanten, die zusagen, was sie nicht leisten können.
  • Gelegenheiten verpassen. Jede Beschaffung ohne Post-Quanten-Anforderung verlängert die Abhängigkeit um einen Lebenszyklus.
  • Nur Technik budgetieren. Inventar, Abstimmung und Tests fallen auch dann an, wenn die Technik nichts kostet.

Die Frage an Ihren Lieferanten

„Welche Umstellungen an Ihrem Produkt sind in Ihrer Wartung enthalten, welche wären ein Zusatzauftrag, und wann planen Sie die nächste Produktgeneration?“

Die Frage trennt Wartung von Änderung, bevor es um Geld geht, und fragt nach der Gelegenheit, die für beide Seiten am günstigsten ist.

Die slowenische Ausgabe richtet sich an Geschäftsführung und IT-Leitung beim Lieferanten: »Postkvantna migracija bo stala. Nepripravljenost lahko stane več.« (auf Slowenisch). Vorherige Ausgabe: Der verschlüsselte Kanal allein macht Ihre Lieferantenanbindung nicht quantensicher.

Anhang Priorisierungsmatrix und Kostenvorlage

Priorisierungsmatrix. Bewertung je Kriterium von 1 bis 3. Dringlichkeit = Schutzdauer + Schaden (2–6). Machbarkeit = Aufwand + Abhängigkeit + Gelegenheit (3–9; jeweils 3 = günstig). In der slowenischen Ausgabe inhaltlich gleich.

Machbarkeit 7–9 Machbarkeit 5–6 Machbarkeit 3–4
Dringlichkeit 5–6 sofort umsetzen planen, Blockaden lösen Gespräch mit Hersteller oder Lieferant sofort
Dringlichkeit 3–4 bei nächstem Update mit Gelegenheit verbinden beobachten, jährlich prüfen
Dringlichkeit 2 bei Gelegenheit bei Gelegenheit beobachten

Kostenvorlage je System:

Position Art (Wartung / Änderung / Investition / intern) Wer führt aus Wer trägt die Kosten Grundlage (Vertrag, Angebot, Schätzung) Betrag oder Aufwand
Inventarisierung und Bestandsaufnahme intern
Architektur und Planung intern
Software-Update Wartung
Codeänderung Änderung
Hardware, HSM, Geräte Investition
Lizenzen Wartung oder Investition
Tests mit Gegenstellen intern und Lieferant
Abstimmung mit Lieferanten intern
Betrieb nach der Umstellung Wartung

Hinweis: Die Spalte „Grundlage“ ist die wichtigste. Ein Betrag ohne Vertrags- oder Angebotsgrundlage ist eine Schätzung und sollte so gekennzeichnet sein.


Alle erschienenen Ausgaben der Reihe: Übersicht „Post-Quanten-Sicherheit in der Lieferkette“

Nächste Ausgabe (6. 7. 2026): „Kryptoagilität: Können Ihre Dienstleister Algorithmen austauschen, ohne Geschäftsprozesse umzubauen?“

Quellen (Stand 1. 6. 2026): NIS Cooperation Group, „A Coordinated Implementation Roadmap for the Transition to Post-Quantum Cryptography“, Version 1.1 (Juni 2025).

Wenn Ihr Inventar fertig ist, aber die Reihenfolge fehlt: Schreiben Sie uns.