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PQ-Schlüsselaustausch für TLS

Zusammenfassung. TrustBridge schützt jede Verbindung zwischen zwei Partnern zusätzlich mit einem Post-Quanten-Geheimnis, das unabhängig von TLS entsteht. Auf jedem angebundenen Rechner vereinbart ein Schlüsselagent mit dem Agenten der Gegenstelle regelmäßig ein frisches Geheimnis über ML-KEM; beide Agenten weisen sich dabei mit ML-DSA-Zertifikaten aus. Ein lokaler Schlüsselvermittler übergibt das Geheimnis an den TLS-Adapter, der es als externen Pre-Shared Key (PSK) nach RFC 9973 in den Handshake von TLS 1.3 einbringt, zusätzlich zu einer hybriden Schlüsseleinigung und zur gegenseitigen Authentisierung mit Zertifikaten. Wer eine Verbindung aufzeichnet, muss damit später zwei voneinander unabhängige Schlüsselvereinbarungen brechen. Die Authentisierung bleibt bei den Zertifikaten; das zusätzliche Geheimnis ersetzt sie nicht.

Begriffe

  • Externer PSK – ein außerhalb von TLS vereinbartes Geheimnis, das beide Seiten in den Schlüsselplan von TLS 1.3 einbringen (RFC 8446, Abschnitt 2.2).
  • psk_dhe_ke – Modus von TLS 1.3, in dem der PSK zusätzlich zu einer (EC)DHE-Schlüsseleinigung verwendet wird; die Vorwärtssicherheit der Schlüsseleinigung bleibt erhalten.
  • Hybride Gruppe – Schlüsseleinigung in TLS 1.3 aus einem klassischen Verfahren und ML-KEM, etwa SecP256r1MLKEM768 (RFC 10024).
  • tls_cert_with_extern_psk – TLS-Erweiterung (Codepoint 33) aus RFC 9973, mit der ein Handshake Zertifikatsauthentisierung und einen externen PSK im Schlüsselplan verbindet.
  • Schlüsselagent – Dienst auf einem angebundenen Rechner, der den Post-Quanten-Schlüsselaustausch mit dem Agenten der Gegenstelle führt.
  • Schlüsselvermittler – lokale Komponente, die das vereinbarte Geheimnis an den TLS-Adapter auf demselben Rechner übergibt.
  • TLS-Adapter – lokaler Dienst, der für eine bestehende Anwendung die TLS-Verbindung zur Gegenstelle aufbaut oder annimmt.
  • Peer Binding – Bindung des Schlüsselaustauschs an die geprüfte Identität der Gegenstelle.
  • Verbindungsrotation – planmäßiger Ersatz einer bestehenden TLS-Verbindung durch eine neue mit frischem Geheimnis, ohne dass die Anwendung eine Unterbrechung bemerkt.

Warum ein zusätzliches Geheimnis

Für die Vertraulichkeit gegen spätere Entschlüsselung gibt es in TLS 1.3 einen standardisierten Weg: hybride Gruppen aus ECDHE und ML-KEM (RFC 10024). Das BSI nennt davon SecP256r1MLKEM768 und SecP384r1MLKEM1024 (TR-02102-2). TrustBridge verwendet diese Gruppen in jeder Verbindung. Das zusätzliche Geheimnis ergänzt sie in drei Punkten:

EigenschaftHybride Gruppe alleinMit zusätzlichem Geheimnis
Unabhängigkeit der Verfahrenklassisches Verfahren und ML-KEM in derselben Nachricht, derselben Bibliothek, demselben Handshakezweite Schlüsselvereinbarung in einem eigenen Protokoll, einer eigenen Komponente und zu einem eigenen Zeitpunkt
Bindung an die Partnerbeziehungjede Gegenstelle mit gültigem Zertifikat kann einen Handshake beginnennur ein Agent, mit dem in dieser Beziehung ein Geheimnis vereinbart wurde, kann den Handshake vollenden
Erneuerung unabhängig vom Verbindungsaufbauneues Geheimnis nur mit jedem neuen Handshakedie Agenten erneuern das Geheimnis im festen Takt; neue Verbindungen erhalten immer frisches Material

Das zusätzliche Geheimnis ist eine weitere Schutzschicht im Sinne der gestaffelten Verteidigung. Es macht TLS nicht überflüssig, ersetzt keine Zertifikate und ist kein neues TLS-Protokoll: Es nutzt eine Schnittstelle, die TLS 1.3 mit RFC 9973 ausdrücklich vorsieht.

Aufbau

graph TD
  subgraph HA [Rechner bei Organisation A]
    AA[Anwendung]
    TA[TLS-Adapter A]
    KBA[Schlüsselvermittler A<br/>lokal]
    AGA[Schlüsselagent A]
  end
  subgraph HB [Rechner bei Organisation B]
    AB[Anwendung]
    TB[TLS-Adapter B]
    KBB[Schlüsselvermittler B<br/>lokal]
    AGB[Schlüsselagent B]
  end
  subgraph PKI [Zertifizierungsstellen beider Organisationen]
    CA[CA-Worker A und B<br/>je eigene Vertrauensbasis]
  end
  AGA ==>|ML-KEM, beide Seiten mit ML-DSA authentisiert| AGB
  AGA ==>|Geheimnis| KBA
  AGB ==>|Geheimnis| KBB
  KBA ==>|externer PSK| TA
  KBB ==>|externer PSK| TB
  AA --> TA
  TA -->|TLS 1.3: Zertifikate, externer PSK, hybride Gruppe| TB
  TB --> AB
  CA -.->|Agenten- und Dienstzertifikate| AGA
  CA -.->|Agenten- und Dienstzertifikate| AGB
  classDef tcb fill:#fde7e9,stroke:#a4262c,color:#201f1e
  classDef onl fill:#f3f2f1,stroke:#605e5c,color:#201f1e
  classDef par fill:#deecf9,stroke:#0078d4,color:#201f1e
  classDef pq fill:#dff6dd,stroke:#107c10,color:#201f1e
  class CA tcb
  class TA,TB onl
  class AA,AB par
  class AGA,AGB,KBA,KBB pq
  style HA fill:#ffffff,stroke:#8a8886,color:#201f1e
  style HB fill:#ffffff,stroke:#8a8886,color:#201f1e
  style PKI fill:#ffffff,stroke:#8a8886,color:#201f1e
KomponenteAufgabeDarf ausdrücklich nicht
SchlüsselagentPost-Quanten-Schlüsselaustausch mit dem Agenten der Gegenstelle; Prüfung ihrer Identität über ihr Agentenzertifikat und die Beziehungsrichtlinie; Erneuerung im festen Taktdas Geheimnis an einen anderen Rechner weitergeben
SchlüsselvermittlerÜbergabe des Geheimnisses an den TLS-Adapter über eine lokale Schnittstelle mit Zugriffsschutz des BetriebssystemsGeheimnisse zentral verwalten oder an fremde Prozesse ausgeben
TLS-AdapterAufbau und Annahme der TLS-Verbindung mit Zertifikat, externem PSK und hybrider Gruppe; Weitergabe der geprüften Identität an die Anwendung; Verbindungsrotationeine Verbindung ohne PSK aufbauen, wenn die Beziehung ihn verlangt
ZertifizierungsstelleZertifikate für Agenten und DiensteKenntnis der vereinbarten Geheimnisse; Ausgabe von Sitzungsschlüsseln

Der Schlüsselvermittler ist ausdrücklich lokal. Ein zentraler Dienst, der Sitzungsschlüssel an Endpunkte verteilt, würde zum Angriffsziel mit Zugriff auf alle Verbindungen. TrustBridge hat keinen solchen Dienst; auch ein Betriebspartner im Modell Managed kennt keine Geheimnisse der Agenten.

Schlüsselaustausch der Agenten

MerkmalAusprägung
SchlüsselvereinbarungML-KEM mit flüchtigen Schlüsseln, je Erneuerung neu erzeugt (Parametersatz nach dem kryptographischen Profil der Beziehung, ML-KEM-768 oder ML-KEM-1024)
Authentisierunggegenseitig, mit ML-DSA-Agentenzertifikaten der jeweils eigenen Zertifizierungsstelle; die Gegenseite akzeptiert sie nur über den Vertrauensanker der Beziehung
Peer Bindingdas Geheimnis gilt nur für das Paar aus diesen beiden Agentenidentitäten und diese Beziehung
ErgebnisGeheimnis von mindestens 256 Bit, PSK-Kennung, Gültigkeitsende
Erneuerungim festen Takt der Beziehung, unabhängig vom Verkehr; ein altes Geheimnis wird nach Ablauf gelöscht
Parteiengenau zwei; ein PSK wird nie zwischen mehr als zwei Parteien geteilt (RFC 9257)

Bindung an TLS 1.3 nach RFC 9973

RFC 9973 (Juli 2026, Standardspur) regelt genau die Verbindung, die TrustBridge braucht: Zertifikatsauthentisierung in TLS 1.3, bei der zusätzlich ein externer PSK in den Schlüsselplan eingeht. Ohne diese Erweiterung schließen sich PSK und Zertifikat in TLS 1.3 aus.

sequenceDiagram
  participant AA as Agent A
  participant AB as Agent B
  participant TA as TLS-Adapter A
  participant TB as TLS-Adapter B
  AA->>AB: ML-KEM-Austausch, beide Seiten mit ML-DSA authentisiert
  AB-->>AA: gemeinsames Geheimnis, PSK-Kennung, Gültigkeit
  AA->>TA: PSK über lokalen Schlüsselvermittler
  AB->>TB: PSK über lokalen Schlüsselvermittler
  TA->>TB: ClientHello mit tls_cert_with_extern_psk, pre_shared_key, psk_dhe_ke, key_share hybrid
  TB-->>TA: ServerHello mit tls_cert_with_extern_psk, pre_shared_key, key_share
  TB-->>TA: CertificateRequest, Certificate, CertificateVerify, Finished
  TA->>TB: Certificate, CertificateVerify, Finished
  Note over TA,TB: Alle Verkehrsschlüssel hängen vom PSK und vom hybriden Geheimnis ab
Regel aus RFC 9973Umsetzung in TrustBridge
Der Client sendet tls_cert_with_extern_psk im ClientHello; der Server bestätigt sie im ServerHello nur, wenn er den angebotenen externen PSK annimmtDer TLS-Adapter prüft die Bestätigung; fehlt sie, bricht er die Verbindung ab
Der Client muss psk_dhe_ke anbieten; der Server muss psk_dhe_ke wählenDie hybride Schlüsseleinigung läuft immer mit; der PSK ersetzt sie nicht
Alle angebotenen PSKs müssen extern sein; die Erweiterung gilt nur für ErstaufbautenSitzungswiederaufnahme ist für TrustBridge-Verbindungen abgeschaltet
Die Erweiterung darf nicht mit early_data gesendet werdenkein 0-RTT
Mit der Erweiterung ist CertificateRequest erlaubtgegenseitige Zertifikatsauthentisierung (mTLS) in jeder Verbindung
Stimmt der PSK nicht überein, weichen die Schlüssel ab und der Handshake scheitertEin Angreifer ohne das Geheimnis der Agenten vollendet keinen Handshake

Zusätzlich gelten RFC 9257 (Hinweise zum Einsatz externer PSKs) und RFC 9258 (Bindung importierter externer PSKs an Protokoll und Hashfunktion).

Erneuerung durch Verbindungsrotation

TLS 1.3 nimmt ein neues externes Geheimnis nur beim Verbindungsaufbau auf. KeyUpdate leitet in einer bestehenden Verbindung neue Verkehrsschlüssel nur aus dem bisherigen Verkehrsgeheimnis ab und bringt kein frisches Material ein. TrustBridge erneuert den Schutz deshalb über die Verbindung selbst:

sequenceDiagram
  participant AP as Anwendung
  participant TA as TLS-Adapter A
  participant TB as TLS-Adapter B
  Note over TA,TB: Verbindung 1 mit Geheimnis n
  TA->>TB: Verbindung 2 mit Geheimnis n+1 aufbauen
  TB-->>TA: Handshake abgeschlossen
  AP->>TA: neue Anfragen
  TA->>TB: über Verbindung 2
  Note over TA,TB: Verbindung 1 nimmt nichts mehr an und schließt nach der letzten Antwort
RegelWirkung
Höchstdauer einer Verbindung je BeziehungKein Verkehr läuft länger unter einem Geheimnis als die Beziehung erlaubt
Neue Verbindung, bevor die alte endetDie Anwendung bemerkt keine Unterbrechung
Sitzungswiederaufnahme abgeschaltetJede Verbindung erhält ein frisches Geheimnis der Agenten statt eines abgeleiteten
KeyUpdate zusätzlich innerhalb einer Verbindungbegrenzt die Datenmenge je Verkehrsschlüssel

Fehlerverhalten

SituationVerhalten
Agent der Gegenstelle nicht erreichbarBestehende Verbindungen laufen bis zum Ende ihrer Lebensdauer weiter; neue Verbindungen entstehen, solange ein gültiges Geheimnis vorliegt; danach keine neue Verbindung
Agentenzertifikat der Gegenstelle gesperrt oder Beziehung widerrufenkein neues Geheimnis; bestehende Geheimnisse werden gelöscht, bestehende Verbindungen beendet
Server bestätigt die Erweiterung nichtAbbruch, Protokolleintrag; kein stiller Rückfall auf TLS ohne PSK
Rückfall auf TLS ohne PSKnur, wenn die Beziehungsrichtlinie ihn ausdrücklich erlaubt, und jeder solche Aufbau wird protokolliert

Schutzwirkung und Grenzen

EigenschaftAussage
Vertraulichkeit gegen spätere EntschlüsselungEin Angreifer muss das Geheimnis der Agenten und das Ergebnis der hybriden Schlüsseleinigung kennen
Authentisierungkommt aus den Zertifikaten der Verbindung; mit hybriden Zertifikaten zusätzlich quantensicher. RFC 9973 wertet den PSK ausdrücklich nicht als Authentisierung
Vorwärtssicherheitaus der flüchtigen Schlüsseleinigung in TLS und den flüchtigen ML-KEM-Schlüsseln der Agenten
Ort des Schutzeszwischen den beiden TLS-Adaptern; die lokale Strecke zwischen Adapter und Anwendung schützt der Rechner

Sicherheitsanforderungen

AnforderungBegründung
Gegenseitige Authentisierung der Agenten mit Zertifikaten der Zertifizierungsstellen (Peer Binding)ein unauthentisierter Austausch erlaubt einen Mittelsmann
Geheimnis verlässt den Rechner nie; lokale Schnittstelle mit Zugriffsschutz des Betriebssystemsdas Geheimnis ist so wertvoll wie die Verbindung
PSK höchstens zwischen zwei ParteienRFC 9257
Keine frühen Daten (0-RTT) mit externem PSKWiederholungsangriffe
Kein stiller Rückfallsonst ist der Schutz unbemerkt wirkungslos
Die Zertifizierungsstelle erfährt kein Geheimnissie wäre sonst Angriffsziel für alle Verbindungen
TLS endet im TLS-Adapter; Lastverteiler davor leiten TCP unverändert weiterder PSK muss dort enden, wo TLS endet

Was diese Seite nicht festlegt

  • Kein neues TLS-Protokoll und kein Ersatz für TLS 1.3. TrustBridge nutzt die in RFC 9973 vorgesehene Erweiterung.
  • Keine quantensichere Authentisierung durch den PSK. Die Authentisierung leisten die Zertifikate; ihre Post-Quanten-Eigenschaften beschreibt Kryptographie und Post-Quanten-Übergang.
  • Kein Schutz der Strecke zwischen TLS-Adapter und Anwendung auf demselben Rechner.
  • Keine Berechtigung. Eine Verbindung mit gültigem Geheimnis erlaubt noch keine Operation; das regelt die Zielanwendung, siehe Vertrauensmodell.

Quellen

  • RFC 8446 – TLS 1.3; Abschnitt 2.2 zu PSKs, Abschnitt 4.6.3 zu KeyUpdate, Abschnitt 7.1 zum Schlüsselplan.
  • RFC 9973 – TLS-1.3-Erweiterung für Zertifikate mit externem PSK (Juli 2026, Standardspur, löst RFC 8773 ab); trennt ausdrücklich Vertraulichkeit von Authentisierung.
  • RFC 10024 – hybride Schlüsseleinigung aus ECDHE und ML-KEM für TLS 1.3.
  • RFC 9257 – Hinweise zum Einsatz externer PSKs.
  • RFC 9258 – Import externer PSKs in TLS 1.3.
  • FIPS 203 – ML-KEM.
  • FIPS 204 – ML-DSA.
  • BSI TR-02102 – TR-02102-2 (Fassung 2026-01), Abschnitt 3.4.2: Empfehlung der hybriden Gruppen SecP256r1MLKEM768 und SecP384r1MLKEM1024.
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