Kryptographie und Post-Quanten-Übergang
Zusammenfassung. WKL TrustBridge setzt auf hybride Kryptographie: klassische Verfahren für die Verträglichkeit mit bestehenden Gegenstellen, ML-DSA (FIPS 204) als Post-Quanten-Signatur. Ein hybrides Zertifikat trägt beide Signaturen; klassische Prüfer lesen es unverändert, PQ-fähige Prüfer prüfen beide. Für die Verbindungen zwischen Partnern kommt ML-KEM (FIPS 203) zweimal zum Einsatz: in der hybriden Gruppe von TLS 1.3 und im unabhängigen Schlüsselaustausch der Schlüsselagenten. Kryptoagilität wird über CA-Generationen umgesetzt, nicht über Umschaltungen zur Laufzeit. Maßstab für alle Verfahren und Parametersätze ist BSI TR-02102 in der Fassung 2026-01.
Begriffe
- ML-KEM – Module-Lattice-Based Key-Encapsulation Mechanism (FIPS 203): Verfahren, mit dem zwei Parteien ein gemeinsames Geheimnis vereinbaren. FIPS 203 definiert ML-KEM-512, -768 und -1024; das BSI empfiehlt davon nur ML-KEM-768 und ML-KEM-1024 (Sicherheitskategorien 3 und 5).
- ML-DSA – Module-Lattice-Based Digital Signature Algorithm (FIPS 204). FIPS 204 definiert ML-DSA-44, -65 und -87; das BSI empfiehlt davon nur ML-DSA-65 und ML-DSA-87, jeweils in der Variante „hedged“ (Signatur mit zusätzlichem Zufall statt rein deterministisch).
- SLH-DSA – zustandsloses hashbasiertes Signaturverfahren (FIPS 205); konservative Annahmen, große Signaturen.
- Hybrid – Kombination eines klassischen und eines PQ-Verfahrens. Welche Sicherheit daraus folgt, hängt von der Konstruktion und davon ab, was die Gegenstelle prüft (siehe unten).
- Kryptoagilität – die Fähigkeit, Verfahren geplant und ohne Bruch zu wechseln.
Warum jetzt und warum hybrid
Zwei Bedrohungen sind zu unterscheiden:
| Bedrohung | Betrifft | Zeitpunkt des Schadens | Dringlichkeit |
|---|---|---|---|
| Aufzeichnen und später entschlüsseln | Schlüsseleinigung (TLS) | Aufzeichnung heute, Entschlüsselung mit künftigem Quantencomputer | hoch: jeder heute aufgezeichnete Verkehr ist betroffen |
| Später fälschen | Signaturen, insbesondere Vertrauensanker | sobald ein Quantencomputer existiert, für alle dann noch gültigen Anker | hoch für langlebige Anker, gering für kurzlebige Zertifikate |
TrustBridge adressiert beide. Gegen die erste schützen die hybride TLS-Gruppe und das zusätzliche Geheimnis der Schlüsselagenten, siehe PQ-Schlüsselaustausch für TLS. Gegen die zweite schützen hybride Zertifikate. Ihr kritischer Pfad sind die Vertrauensanker: Eine Wurzel, die heute klassisch erzeugt wird und zwanzig Jahre gelten soll, wäre bei einem Quantencomputer vor ihrem Ablauf wertlos, und mit ihr jede Kette darunter.
Warum hybrid statt nur PQ. ML-DSA ist jung; seine Implementierungen haben weniger Betriebsjahre als RSA oder ECDSA hinter sich, und Fehler in Implementierungen wiegen erfahrungsgemäß schwerer als Schwächen der Mathematik. Eine Kombination beider Verfahren schützt gegen den Ausfall eines von ihnen – aber nur, wenn die Gegenstelle beide Signaturen prüft und eine fehlende als Fehler wertet. Das BSI empfiehlt PQ-Verfahren deshalb in Kombination mit klassischen. Zugleich bleibt ein hybrides Zertifikat für Gegenstellen ohne PQ-Unterstützung lesbar.
Verfahren
| Zweck | Verfahren | Grundlage |
|---|---|---|
| Klassische Signatur | ECDSA mit P-256 und P-384, RSA mit mindestens 3000 Bit für Gegenstellen ohne ECDSA | Kryptographie des .NET-Frameworks, Sicherheitsmodul für CA-Schlüssel |
| PQ-Signatur | ML-DSA-65, ML-DSA-87 („hedged“) | OpenSSL ab 3.5, Sicherheitsmodul für CA-Schlüssel |
| PQ-Schlüsselkapselung | ML-KEM-768, ML-KEM-1024 | OpenSSL ab 3.5 in der Zertifizierungsstelle, TLS-Bibliothek der Endpunktkomponenten |
| Schlüsseleinigung in TLS 1.3 | SecP256r1MLKEM768, SecP384r1MLKEM1024 | TLS-Adapter |
| Hashes, Zufall, ASN.1, X.509-Grundtypen | SHA-2, Zufall des Betriebssystems | .NET-Framework |
Maßstab ist BSI TR-02102-1 in der Fassung 2026-01. Sie empfiehlt für die Schlüsseleinigung nur ML-KEM-768 und ML-KEM-1024 (Abschnitt 2.4.3, Tabelle 2.7) und für Signaturen nur ML-DSA-65 und ML-DSA-87 in der Variante „hedged“ (Abschnitt 5.3.4.2, Tabelle 5.7), Post-Quanten-Verfahren jeweils in Kombination mit einem klassischen Verfahren. TrustBridge bietet deshalb nur diese Parametersätze an, und nur hybrid.
ML-DSA-44 und ML-KEM-512 erfüllen diese Empfehlung nicht. In Profilen, Zertifikaten, Anträgen und Beziehungen sind sie nicht zulässig; ein CSR mit einem solchen Schlüssel wird abgelehnt.
| Einsatz | Klassisch | Post-Quanten |
|---|---|---|
| Wurzel und ausstellende CAs | ECDSA P-384 | ML-DSA-87 |
| Systeme und Dienste | ECDSA P-256 oder P-384 nach Profilklasse | ML-DSA-65 |
| Schlüsselagenten | – | ML-DSA-65 für die Authentisierung, ML-KEM-1024 als Vorgabe für den Austausch, ML-KEM-768 nach Beziehungsrichtlinie |
| TLS-Verbindungen zwischen Partnern | Zertifikate der Systeme | hybride Gruppe nach Beziehungsrichtlinie |
Der Bezeichner einer PQ-Signatur folgt den standardisierten Kennungen aus RFC 9881.
Aufbau eines hybriden Zertifikats
graph LR
%% LR: Die Felder des Zertifikats stehen so untereinander, von oben nach unten wird das Diagramm mehr als doppelt so breit.
CA[CA mit klassischem<br/>und ML-DSA-Schlüssel<br/>im Sicherheitsmodul]
subgraph CERT [Zertifikat]
subgraph TBS [Signierter Teil]
SUB[Subjekt, Seriennummer, Laufzeit]
SPK[Klassischer öffentlicher Schlüssel]
ALTK[subjectAltPublicKeyInfo 2.5.29.72<br/>ML-DSA-Schlüssel]
ALTA[altSignatureAlgorithm 2.5.29.73]
ALTV[altSignatureValue 2.5.29.74<br/>ML-DSA-Signatur der CA]
EXT[übrige Erweiterungen]
end
SIG[Klassische Signatur der CA<br/>über den gesamten signierten Teil]
end
CA ==>|1. ML-DSA über den signierten Teil<br/>ohne altSignatureValue| ALTV
CA ==>|2. klassisch über alles| SIG
classDef pq fill:#dff6dd,stroke:#107c10,color:#201f1e
classDef kl fill:#deecf9,stroke:#0078d4,color:#201f1e
classDef neu fill:#f3f2f1,stroke:#605e5c,color:#201f1e
classDef tcb fill:#fde7e9,stroke:#a4262c,color:#201f1e
class ALTK,ALTA,ALTV pq
class SPK,SIG kl
class SUB,EXT neu
class CA tcb
style CERT fill:#ffffff,stroke:#8a8886,color:#201f1e
style TBS fill:#ffffff,stroke:#8a8886,color:#201f1e| Gegenstelle | Verhalten |
|---|---|
| klassischer Prüfer | übergeht die nicht kritischen Alternativ-Erweiterungen und prüft die klassische Signatur |
| PQ-fähiger Prüfer ohne Pflicht zu PQ | prüft beide Signaturen, sofern vorhanden |
| PQ-fähiger Prüfer mit vereinbartem PQ-Schutz | verlangt die Alternativsignatur jedes Kettenglieds; fehlt sie oder passt sie nicht, ist die Kette ungültig |
Zwei Ebenen der Aussage.
| Ebene | Aussage |
|---|---|
| Kryptographische Eigenschaft | ML-DSA ist nach heutigem Kenntnisstand auch mit einem Quantencomputer nicht fälschbar; ECDSA und RSA sind mit einem Quantencomputer fälschbar. Die Alternativsignatur ist von der klassischen Signatur trennbar: Sie steht in einer nicht kritischen Erweiterung, und ein Zertifikat ohne sie ist formal gültig |
| Anforderung an die Gegenstelle | PQ-Authentisierung entsteht nur, wenn die Gegenstelle die Alternativsignatur jedes Kettenglieds prüft und ihr Fehlen als Fehler wertet. Ein Prüfer, der nur die klassische Signatur prüft, erhält keine PQ-Authentisierung |
Im Unterschied dazu binden Composite-Signaturen (IETF-Entwurf) beide Signaturen untrennbar unter einem neuen Algorithmus; klassische Prüfer lehnen solche Zertifikate ab. TrustBridge stellt hybride Zertifikate mit Alternativsignatur aus, damit bestehende Gegenstellen sie weiter lesen können, und gleicht die Trennbarkeit mit der PQ-Pflicht je Beziehung aus.
Grenze. Die Alternativsignatur ist trennbar. Wer künftig die klassische Signatur fälschen kann, kann ein Zertifikat ohne PQ-Erweiterungen herstellen, das ein Prüfer ohne PQ-Pflicht annimmt. Der PQ-Schutz wirkt also erst, wenn Gegenstellen ihn verlangen. Der TLS-Adapter verlangt ihn, sobald die Beziehungsrichtlinie es vorsieht. Ein Antrag für ein hybrides Zertifikat muss den Besitz beider privaten Schlüssel nachweisen.
Kryptoagilität und Migration der Vertrauensanker
Kryptoagilität heißt hier nicht, Verfahren zur Laufzeit umzuschalten, sondern den Wechsel geplant zu haben:
- Neue Generation statt Umschlüsselung. Ein neues Verfahren bedeutet eine neue CA mit neuem Schlüssel und neuem Zertifikat. Ein bestehender Schlüssel wird nicht neu zertifiziert.
- Überlappung. Gegenstellen erhalten den neuen Anker, bevor die erste Ausstellung unter der neuen Generation erfolgt.
- Auslaufen. Die alte Generation stellt nicht mehr aus, sobald ihre Restlaufzeit die längste Profillaufzeit unterschreitet, und signiert danach nur noch Sperrlisten.
gantt title Ablösung einer klassischen durch eine hybride Generation (schematisch) dateFormat YYYY-MM-DD axisFormat %Y section Klassische Generation stellt aus :a1, 2027-01-01, 2028-06-30 nur Sperrlisten :a2, after a1, 365d section Hybride Generation Anker verteilt :b0, 2027-07-01, 180d stellt aus :b1, 2028-01-01, 2031-12-31
Migration bestehender klassischer Anker einer Organisation: Bestandsaufnahme der Gegenstellen und ihrer PQ-Fähigkeit; Verteilung des hybriden Ankers zusätzlich zum alten; Ausstellung neuer Zertifikate nur noch hybrid; Vereinbarung von PQ-Pflicht je Beziehung, sobald beide Seiten prüfen können; Rückzug des alten Ankers nach Ablauf aller Zertifikate darunter.
Abhängigkeit vom Sicherheitsmodul. Hybride CAs setzen ein Sicherheitsmodul voraus, das ML-DSA nicht exportierbar erzeugt und verwendet. Einen Software-Schlüssel für eine CA gibt es auch nicht als Übergang.
Kryptographie-Grundlagen
| Komponente | Grundlage | Begründung |
|---|---|---|
| CA-Worker, Verwaltung, Enrollment, Verteilung | .NET mit OpenSSL ab 3.5 für ML-DSA und ML-KEM | eine einzige Grundlage in der Vertrauensbasis; OpenSSL bietet die PQ-Verfahren im Standardanbieter und bindet Sicherheitsmodule über PKCS #11 an |
| Schlüsselagent, Schlüsselvermittler, TLS-Adapter | eigenständige native Programme ohne Laufzeitumgebung, mit einer TLS-Bibliothek, die RFC 9973 und hybride Gruppen unterstützt | laufen auf Servern, Arbeitsplätzen und Geräten der Partner ohne zusätzliche Installation; keine Speicherbereinigung im Schlüsselpfad |
| Sicherheitsmodul | PKCS #11 ab Fassung 3.2 | definiert die Mechanismen für ML-DSA und ML-KEM |
Heterogene Implementierungen. Die Zertifizierungsstelle bleibt bei einer einzigen Grundlage, weil jede zusätzliche Bibliothek in der Vertrauensbasis den Prüfaufwand vervielfacht. Die Endpunktkomponenten verwenden bewusst eine andere TLS-Implementierung: Das zusätzliche Geheimnis ist damit auch in der Implementierung unabhängig von der Kryptographie der Zertifizierungsstelle.
Prüfung gegen Normvektoren. Jede Fassung prüft ML-DSA und ML-KEM gegen die veröffentlichten Prüffälle aus FIPS 203 und FIPS 204, einschließlich fehlerhafter Schlüssel und veränderter Kontextzeichenketten. Der Parametersatz eines Schlüssels wird aus seiner Objektkennung gelesen, nicht aus seiner Länge erschlossen.
Anforderungen an das Sicherheitsmodul
| Anforderung | Prüfung bei der Abnahme eines Moduls |
|---|---|
| ML-DSA-Schlüssel nicht exportierbar | Schlüssel mit CKA_EXTRACTABLE = false und CKA_SENSITIVE = true erzeugen; Export und unverschlüsseltes Auslesen scheitern |
| Signatur über OpenSSL mit PKCS #11-Provider | Signatur lässt sich mit dem öffentlichen Schlüssel in der Kryptographie von TrustBridge prüfen |
| Klassischer und ML-DSA-Schlüssel derselben CA im selben Modul | beide nutzbar, getrennt verwaltet |
| Sicherung unter Mehrpersonenregel | Wiederherstellung in ein zweites Modul gelingt, ohne dass der Schlüssel im Klartext erscheint |
| Signaturzähler oder Audit-Protokoll | Zahl der Signaturen je Schlüssel abrufbar (für den Abgleich mit dem Register) |
| Rollen und Quorum | Schlüsselnutzung ist an Rollen gebunden; Verwaltung des Moduls verlangt mehrere Personen |
| Offline-Betrieb | Gerät ist ohne Netz für die Wurzel nutzbar |
| Zertifizierung | FIPS 140-3 oder Common Criteria für das Modul; Validierung der PQ-Algorithmen |
Jedes Modul, das diese Abnahme besteht, ist für TrustBridge zulässig. Ein Software-Modul ist für CA-Schlüssel ausgeschlossen und nur für Test- und Schulungsumgebungen vorgesehen.
Was diese Seite nicht festlegt
- Kein bestimmtes Sicherheitsmodul. Die Anforderungen und die Abnahmeprüfung stehen oben.
- Keine Composite-Signaturen. TrustBridge verwendet die trennbare Alternativsignatur, damit klassische Gegenstellen Zertifikate weiter lesen können.
- Keine Verfahren außerhalb der Empfehlung von BSI TR-02102, auch nicht auf Wunsch einzelner Partner.
Quellen
- FIPS 203 – ML-KEM.
- FIPS 204 – ML-DSA.
- RFC 9881 – Kennungen für ML-DSA in X.509.
- RFC 10024 – hybride Schlüsseleinigung aus ECDHE und ML-KEM für TLS 1.3.
- BSI TR-02102 – TR-02102-1 und TR-02102-2, Fassung 2026-01.
- PKCS #11 Version 3.2 – Mechanismen für ML-DSA und ML-KEM.